Internationale Reihe
Kybernetik und Information | Band 15

Armando Plebe

Materialismus heute
und in Zukunft

Physik, Biologie und Philosophie ohne Ideologie

1. Auflage 1983

AGIS Verlag Baden-Baden
144 Seiten, 20,6 x 14,5 cm
kartoniert, 16,00 EUR
ISBN-10 3-87007-027-7
ISBN-13 978-3-87007-027-4

Die italienische Originalausgabe erschien 1980 unter dem Titel »Il materialismo oggi – fisica, biologia, e filosofia oltre l’ideologia« bei Editore Armando Armando, Rom

Wer als philosophisch Interessierter erinnerte sich nicht an das vor Jahren erschienene Buch des Franzosen Jacques Monod »Le Hasard et la nécessité« (Zufall und Notwendigkeit), das ein wissenschaftlicher Bestseller wurde. Monod bekannte sich – wie andere vor und mit ihm – zur Ansicht der »unauslotbaren Tiefe«, mit der die Lebensphänomene seit der Antike, als man den Dualismus zwischen Seele-Geist und Materie erfand, erklärt oder vielmehr nicht erklärt werden. Er nennt diesen Dualismus zwar eine Illusion, sagt aber, sie sei so innig mit dem Lebewesen Mensch verknüpft, daß es eine vergebliche Hoffnung wäre, »man könne sie jemals aus der unmittelbaren Auffassung der Subjektivität auslöschen oder lernen, affektiv und moralisch ohne Illusion zu leben«.

In Wirklichkeit sind solche Deutungen philosophische Verzichterklärungen. Gegen sie wendet sich das Buch des italienischen Autors Armando Plebe. Mag sein, daß seine Untersuchung weniger eloquent geschrieben ist als jener Bestseller, sie ist aber umso zuverlässiger. Plebe geht die Dinge härter an. Er resigniert nicht vor angeblichen Grenzen menschlicher Erkenntnis, sondern geht mutig den Weg weiter, den insbesondere die neuen wissenschaftlichen Ergebnisse in der Mikro- und Makrophysik und vor allem in der Molekularbiologie vorgezeichnet haben. Er legt die Wege frei zu einer erweiterten Auffassung von Materialismus, der ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung darstellt.

Zudem weist er auch – und das ist heute besonders aktuell – auf Möglichkeiten hin, den Streit zwischen den bislang beherrschenden Richtungen in Ost und West, zwischen dem »wissenschaftlichen« und dem »dialektischen« Materialismus, zu schlichten. Eine Menge Hinweise auf im Westen weithin unbekannte russische Autoren bereichert das heute erst recht aktuelle Thema des Buches.

Armando Plebe, geb. 1927 in Alexandrien, ist Ordinarius für Philosophie an der Universität Palermo, wo er das Institut für Geschichte der Philosophie leitet. Er ist bzw. war Mitarbeiter bei mehreren internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften, so bei »Voprosy filosofii« (Moskau) und »Semiosis« (Stuttgart), von der er Mitherausgeber war. Seine Hauptwerke: Introduzione alla logica formale (19662), Atlante concettuale delle nuove filsofie (1968), Storia del pensiero (3 Bde. 1970-71), A che serve la filosofia? (1974).


INHALT

Vorwort

7


Teil I
Der physikalische Materialismus

1.

Die Struktur der Materie:
Hülle oder Skelett

11

2.

Der erste Aspekt der Struktur der Materie:
die Zahlen erobern die Physik

20

3.

Der bipolare Aspekt der Struktur der Materie:
Symmetrie gegen Unvorhersehbarkeit

30

4.

Eine andere Bipolarität: Materie gegen Antimaterie

 38

5.

Der kosmologische Materialismus:
Die Hypothese von den »schwarzen Löchern«

44


Teil II
Der biologische Materialismus

6.

Der Stein, der denkt

57

7.

Die »Klugheit« der Materie

65

8.

Das Ei von Butler oder das »Geheimnis des Lebens«

75

9.

Zwei Phantasmen des Spiritualismus:
das »Gespenst der Maschine« und der »Zweck des Kuh-Schwanzes«

84

10.

Vom Stern zur Zelle:
Die Physikalisierung der Biologie

92


Teil III
Der philosophische Materialismus

11.

Materie als Oberfläche und als »Vorhang«

103

12.

Materie als Funktion

112

13.

Auf dem Wege zu einer Algebra der Materie

120

14.

Auch der dialektische Materialismus ist »horizontal«

128

Nachwort von Max Bense

137

Namenregister

142



VORWORT

Vor rund 20 Jahren ereignete sich der Fall Havemann: Einer der berühmtesten Physiker Ost-Deutschlands wurde aus der kommunistischen Partei und der Universität Berlin ausgeschlossen, weil er als Dissident galt. Er war nicht der erste und wird nicht der letzte gewesen sein. Dass er aber nicht wegen politischer Abweichung, sondern wegen seiner physikalischen Theorien über den Begriff der Materie gebrandmarkt wurde, macht aus Robert Havemann einen exemplarischen Fall. An ihm wurde die Frage, wie der Materialismus als Lehre und Wissenschaft formuliert werden sollte, eines der brennendsten Probleme, zumindest im Osten, aber nicht nur dort. Tatsächlich stehen wir heute vor dem Paradoxon, dass sich der Teil des Globus, der unter kommunistischer Herrschaft steht, von Staats wegen für materialistisch hält, obwohl er in Wirklichkeit die entgegengesetzte Tendenz hat, also Ideologie vertritt. Die westliche Welt dagegen, eher aus Tradition denn aus Gegenhaltung zum Ostblock, weigert sich ständig, sich als materialistisch zu bezeichnen, obwohl sie es in Wirklichkeit eher zu sein scheint.

Aber wer sind heute die Theoretiker des Materialismus? Im wesentlichen gehören sie drei verschiedenen Wissenschaftler-Kategorien an: den Physikern, den Biologen und den Philosophen. Und der Dialog zwischen ihnen ist meistens ein Dialog zwischen Tauben. Das hat jedoch nicht verhindert, dass sich in den letzten zehn Jahren zwischen ihnen eine gemeinsame Plattform bildete, wenigstens auf der Ebene der Terminologie. Welchen Bestand sie hat, wird der geneigte Leser dieses Buches beurteilen können. Mann kann auch sagen, dass die Übereinkunft bis zu der skeptischen Folgerung des Nobelpreisträgers Richard Feynman reicht, für den »die Philosophen immer bereit sind, dumme Beobachtungen« aufgrund der Entdeckungen der Wissenschaftler zu machen. Im Falle des Materialismus handelt es sich aber nicht um Dummheiten, sondern um Theorien, die – ob intelligent oder nicht – mehrfach über die Ideologien und über das Schicksal ganzer Bevölkerungen entschieden haben.

A.P.


TEXTAUSZUG

TEIL I
Der physikalische Materialismus
1. Die »Struktur« der Materie: Hülle oder Skelett?

Seit etwa zehn Jahren haben die Abhandlungen der Physiker im »Mutterhaus« des Materialismus, in der Sowjetunion, damit begonnen, dem Begriff der materija, der für sie heilig ist, ein neues Wort beizufügen: struktura. Der neue Brauch begann 1967 allen bekannt zu werden, als in Moskau ein Sammelband mit dem Titel »Struktur und Form der Materie« erschien. V.A. Fok, einer der wichtigsten Prokuristen der sowjetischen Physik, drückte darin die Überzeugung aus, dass die Art und Weise, wie man den Begriff der »Materie« den Fortschritten der Quantenphysik anpasse könne, darin bestehen müsse, von der »Struktur« der Materie zu sprechen. Drei Jahre später hat diese Überzeugung auf dem zweiten pansowjetischen Kongress über Probleme der Naturwissenschaft, der vom 1. bis 4. Dezember 1970 anlässlich des 100. Geburtstages von Lenin in Moskau abgehalten wurde, eine Art offizieller Salbung erhalten. Aus dem Munde eines der wichtigsten Kongressteilnehmer, des Physikers V.S. Barashenkov, konnte man dort hören, dass »die erste Aufgabe, die sich uns heute stellt, darin besteht, einen ausreichend adäquaten Begriff der raum-zeitlichen Struktur dem Begriff der Elementarteilchen hinzuzufügen.«1

Auf den ersten Blick könnte dies nur als eine der typischen terminologischen Revolutionen erscheinen, die innerhalb der sowjetischen Wissenschaft vor sich gehen und die dazu verurteilt sind, nur die Welt der östlichen Länder zu interessieren, auch wenn es sich um eine für den ganzen Erdball beachtenswerte Sache handelt. Aber wer nur ein wenig die reichhaltige physikalische Literatur des Westens verfolgt, muss feststellen, dass es sich hier keineswegs nur um ein Phänomen handelt, das auf die sowjetische Welt beschränkt ist.

Auch im Westen können die siebziger Jahre durch eine wachsende Zustimmung zu Begriffen wie »Struktur der Materie« und »Schema der Materie« gekennzeichnet werden. Eines der am meisten übersetzten Bücher der Kernphysik, »The Nuclear Apple« des englischen Physikers Paul Matthews, von 1971, betitelt sein zentrales Kapitel, welche das Problem der wesentlichen Natur der Materie behandelt: »Schemata der Materie«2. Der einzige Unterschied zwischen den sowjetischen und den westlichen Wissenschaftlern  besteht darin, dass, während für die ersten die Konfession des materialistischen Glaubens zählt, die letzteren immer noch in Materialisten und Spiritualisten auseinanderfallen.

Kann es also sein, dass das Auftreten dieses neuen physikalischen Strukturalismus dem säkularen Streit zwischen Materialisten und Spiritualisten schließlich ein Ende setzt? Wir glauben nicht. Die Erfahrung  zeigt, dass eine Kontroverse, die der Situation der Menschen derart natürlich ist wie diese, dazu bestimmt ist, mit der Veränderung der Perspektiven die eigentliche Formulierung zwar zu verändern, sie aber nicht schon zum Verschwinden bringen. Schon vor etwa zweieinhalb Jahrhunderten konnte man aus dem Werk von Jonathan Swift folgern, dass unter den berühmten Paradoxien der intellektuellen Kontroversen, die in seinen »Gullivers Reisen« enthalten sind, diejenige zwischen Materialisten und Spiritualisten nicht ausgespart wurde. Wie seinen Lesern bekannt ist, liegen die Einwohner von kleiner Gestalt auf der erfundenen Insel Liliput in ewigem Streit mit den ebenso kleinen Einwohnern aus Blefuscu, die systematisch das Gegenteil der Liliputaner behaupten. Als die Liliputaner Gullivers Uhr entdecken, die für sie riesig ist, haben sie dafür gleich zwei mögliche Interpretationen, wobei sie der zweiten zustimmen: »Er hat diese Maschine unseren Ohren nahegebracht: Sie macht ein unaufhörliches Geräusch wie das einer Wassermühle. Wir vermuten, dass es sich um ein Tier neuer Art oder um ein Gottheit handelt, die jener anbetet; aber diese letzte Hypothese ist wahrscheinlicher, weil er uns gesagt hat (wenn wir seine fürchterliche Sprache nicht falsch interpretiert haben), dass er niemals mehr etwas tut, ohne sie zu befragen.«3

Die Interpretation, denen die Liliputaner zustimmen, ist offensichtlich die spiritualistische, da heißt: die Uhr wird vom Geist einer Gottheit bewegt, und sie überlassen den blefuscudianischen Feinden die materialistische Interpretation, dass die Uhr von einem Tier bewegt wird. Wen Gulliver bei dieser Gelegenheit beiden die »strukturelle« Position gelehrt hätte, nach der die Bewegung der Uhr vor allem der Struktur ihrer Zahnräder verdankt wird, würde die Kontroverse zwischen Materialismus und Spiritualismus deswegen nicht aufhören, sondern sich nur auf eine andere Ebene verlagern. Indem sie nur die Hypothese von der Gottheit, die in der Uhr enthalten ist, aufgeben, würden alle Spiritualisten glauben, dass die Zahnräder nur eine Hülle seien, welche die wahre bewegende Kraft verdeckt, die die angeborene Energie der Feder ist. Die Materialisten werden aber, auch wenn sie nur die Idee eines materiell-heiligen Ungeheuers haben, die Ansicht von seinem mechanischen Funktionieren (seinem »tierischen« in der Terminologie Swifts«) festhalten, für welche die Zahnräder der Uhr nicht bloß eine Hülle sind, die eine innere geistige Kraft enthält, sondern das Skelett der Uhrfeder.

Kehren wir zu den Sowjets zurück. Der Funke, der die neue strukturelle Interpretation der Materie entzündete, war vor allem ein spezifisches Faktum: die Existenz gewisser subatomarer Partikel, die im Atomkern vorhanden zu sein schienen, aber denen effektive Existenz zuzuerkennen die Mikrophysiker sich schwertaten, sofern jene Existenz das Prinzip von der Erhaltung der Energie verabschiedete. Deshalb sprachen sie von »virtuellen Partikeln«, die sich jeweils halb zwischen Existenz und Nicht-Existenz bewegen. Es handelt sich genauer um folgendes Phänomen: Der Atomkern hat eine Masse-Energie, die kleiner ist als die Summer der Partikel, die ihn konstituieren: denn diese müssen mit einer zusätzlichen Masse-Energie ausgestattet sein, die verhindert, dass sie aufeinander einwirken. Diese Differenz wird »Massen-Defekt« genannt. Aufgrund dieser Differenz benötigt das wichtigste dieser Partikel, das Proton, das ja die Tendenz hat, in zwei sekundäre Partikel (ein Neutron und ein Positron) zu zerfallen, einen Energie-Zufluss von außen, denn sonst könnte es sich ergeben, dass die Summe der Masse-Energie der beiden gespaltenen Partikel größer wäre als die des Protons, das sie erzeugt hat. Dies würde dem Gesetz von der Erhaltung der Energie widersprechen.

In unendlich kleinen Zeiten verhalten sich die erwähnten Partikel jedoch so, als wären sie gespalten. Der amerikanische Physiker Kenneth Ford beschreibt das Phänomen folgendermaßen: »Wir könnten sagen, dass der Polizist, der für die Einhaltung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie sorgt, ein Auge zudrückt, wenn die Übertretung eine ausreichend kurze Zeit dauert.«4

Für den Materialismus klassischen Typs, der das Tier in der Uhr Gullivers sucht, ist die Existenz der virtuellen Partikel eine Art paradoxer Erzeugung aus dem Nichts, sofern sie nur ein winziges Klümpchen von Masse-Energie erzeugt, die vorher nicht vorhanden war. Dagegen verliert das Phänomen der »virtuellen Partikel« für einen Materialismus des strukturellen Typs seine paradoxe Eigenschaft: Die Materie ist tatsächlich nichts, das unter den Phänomenen liegt, und konstituiert eine Masse-Energie, die frei von Determinationen, aber nichts anderes ist als das Skelett der Determinationen dieser Masse-Energie. Darin ist das außergewöhnlich Phänomen der »virtuellen Partikel« inbegriffen.

Aber vielleicht hätte die Interpretation des subatomaren Phänomens der virtuellen Partikel nicht so viel Lärm verursacht und wäre deshalb weniger fruchtbar gewesen an theoretischen Konsequenzen, wenn sie nicht mit der Explosion eines der politischen Fälle zusammengefallen wäre, die in der intellektuellen kommunistischen Welt dieser letzten Jahre das meiste Aufsehen erregt hat: mit dem Fall Havemann. Wie auch den Lesern der Illustrierten und Tageszeitungen bekannt ist, wurde der Physiker aus Ost-Deutschland, Robert Havemann, seinerzeit Direktor des Chemisch-physikalischen Instituts der Humboldt-Universität in Ost-Berlin, am 13. März 1964 aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen., In seinen Schriften von 1962 und 1963 hatte Havemann die angesehendsten Physiker der UdSSR heftig attackiert, insbesondere den Leninpreisträger D.I. Blochintsew, dem er sogar zu sagen wagte, dass er sich bei den ernsthaften Physikern um jeden Kredit gebracht habe wegen einiger Herren der philosophischen Lehrstühle5, das heißt, um den Ideologen der Partei zu gehorchen.

Was das Problem der virtuellen Partikel angeht, vertrat Havemann im wesentlichen die neospiritualistische Position, das heißt er sah die Struktur dabei als eine bloße Hülle an, die die Energiemenge, die »hinter« ihr steht, bedeckt und die daher aus dem Nichts erzeugt worden sie: »Die Teilchen entstehen als Individuen offenbar aus dem Nichts, aus einem Teil der Energie anderer Teilchen, die ihrerseits fortbestehen ... Man hat in der Theorie der Elementarteilchen einen Begriff eingeführt, der dies zum Ausdruck bringt – den Begriff der virtuellen Teilchen.«6

Ein Feind Havemanns, der Sowjetrusse Blochintsew, vertrat hingegen die materialistische These, für welche die Struktur der virtuellen Partikel keine vermutliche Erzeugung von Materie aus dem Nichts verbirgt, sondern nur das Skelett eines Teilchen-Verhaltens ist, das dem »Massen-Defekt« verdankt wird (das heißt der Differenz von Masse-Energie zwischen dem Kern und der Summe seiner Komponenten) und der nichts anderes ausdrückt als das Schema dieser Masse-Beziehung: »In allen jenen Fällen, wo man von dem Faktum spricht, dass ein Partikel aus anderen Partikeln »besteht« (zum Beispielt besteht das π-Meson aus einem Kern und einem Anti-Kern), geht das wohlverstanden nur im Sinne virtueller Dissoziationen. Der Massen-Defekt erweist sich in einem solchen Fall immer als so groß, dass es nicht mehr möglich ist, von einer solchen realen Dissoziation des Partikels zu sprechen.«7

Um ein Bild des oben zitierten Kenneth Ford teilweise wieder aufzunehmen, ist für Blochintsew also ein Proton, das von einer Wolke virtueller Partikel umgeben ist, »wie ein Chauffeur auf einem Bürgersteig der Fifth Avenue, umgeben von einer Gruppe schwer kontrollierbarer Pudel an der Hundeleine ..., die immer in diese oder jene Richtung schnappen, aber an der Hundeleine durch das Prinzip von der Erhaltung der Energie gehalten« werden. Dadurch ist gesichert, dass sich keiner der Pudel je wieder frei auf der Fifth Avenue bewegen können wird. Die Struktur der mehrfachen Hundeleine ist also nicht (wie Havemann wollte) eine Hülle, die eine vermutliche Erzeugung aus dem Nichts verbirgt, sondern das Skelett einer Situation, deren Existenz gänzlich in jenem Skelett selbst besteht.

Überträgt man die Frage von dem spezifischen Problem der virtuellen Partikel auf das weitere der allgemeinen Konzeption der Materie, dann enthüllt sich die strukturelle Formulierung als besonders fruchtbar, schon von dem grundlegenden Problem der Struktur unserer Erkenntnis der Materie aus. Es handelt sich um das für die gegenwärtige Mikrophysik essentielle Problem der Natur und Funktion der Erkenntnismittel und Beobachtungsinstrumente. Der schon zitierte sowjetische Physiker V.A. Fok stellte diese Frage 1969 in einer Studie mit dem Titel »Quantenphysik und philosophische Probleme«.8 Traditionell, betonte Fok, hat der Materialismus im allgemeinen folgendermaßen geschlussfolgert: »Der Gedanke ist zweifellos ein Produkt des Gehirns: Er differiert jedoch vom Gehirn in genau derselben Weise, in der die Idee, die auf das Papier aufgezeichnet wird, vom Papier und von der Tinte differiert, mit deren Hilfe sie aufgeschrieben worden ist«. Das heißt: Der klassische Materialismus bezweifelt nicht, dass die Erkenntnisinstrumente ebenso wie das Gehirn zum Bereich des »materiellen Substrats« gehören; und wenn der Mensch einem Sinnesorgan ein mechanisches Erkenntnisinstrument vorschaltete, gehörte dies für den klassischen Materialismus mit größerem Recht dem Bereich der materiellen Substanz an: »Beide Kategorien – die der Beobachtungsmittel (sredstva nabljudenija) und die der beobachteten Objekte – wurde in einer einzigen Kategorie vereinigt, die annäherungsweise der externen Welt entspricht.«

Aber mit der Thronbesteigung der subatomaren Physik hat sich die Situation verändert, betont Fok: »Vom Gesichtspunkt der Erkenntnistheorie aus müssen die Mikroobjekte und die Messinstrumente auf verschiedene Kategorien verteilt werden.«9 Das heißt: Die einzige materiell solide und annehmbare Existenz ist das Erkenntnisinstrument zusammen mit den Sinneswahrnehmungen, die damit verbunden sind und mit denen es eine einzige strukturelle Realität bildet, der man demzufolge mit Recht den Namen Materie geben darf, während das, was sicht traditionell das »Erkenntnisobjekt« nannte, nur ein Hinweis ist, der strukturell in jener primären Realität enthalten ist.

Auch wenn sich Fok im Inneren der UdSSR in seiner Bewertung der westlichen Mikrophysik auf Positionen befand, die von denen Blochintsews, dem Antagonisten Havemanns, ziemlich verschieden waren, gelangten die beiden sowjetischen Physiker jedoch zum Zweck der allgemeinen Konzeption der Materie zu ähnlichen Konklusionen: Die Materie kann nicht mehr als ein mehr oder weniger rätselhafter Inhalt konzipiert werden, der »hinter« der primären Realität, die uns umgibt, liegt. Wie ein anderer sowjetischer Physiker, B.M. Kedrov, in einem Artikel von 1965 schreibt: »Die Materie, so wie sie ist, beraubt aller konkreten, physikalischen oder sonstigen Eigenschaften, ausgenommen m, besteht nirgends; niemand hat je eine solche Materie gesehen noch gehört.«10

Hier haben wir vor allem eine klare Unterscheidung zwischen dem Begriff der Materie und dem des Objektes, in dem Materie nicht mehr als ein hypothetisches Substrat betrachtet wird, das »dahinter« steht, sondern als die primäre Realität, die es umgibt; auch wenn dann der Hinweis auf ein strukturelles Objekt der Materie mitgegeben ist, scheint sich dessen Präsenz jedoch im Hinweis selbst zu erschöpfen. Eine solche Perspektive schein nun aus einer Studie der Physiker V.S. Barashenkov und M.G. Meschzerjakow von 1968 hervorzugehen: »Die alte klassische Vorstellung, gemäß der man als Materie irgendein auch vorübergehendes Objekt ansah, ist heute nunmehr unhaltbar.«11

Bis zu welchem Punkt befinden sich nun diese strukturalistischen sowjetischen Instanzen in Einklang mit den gegenwärtigen Ergebnissen der westlichen Physik, da sie in die Richtung zu gehen scheinen, welche die Materie nur als die primäre Realität, die sie umgibt, betrachtet und die Mikroobjekte oder auch die nicht direkt erkennbaren Objekte bloß als eine sekundäre Realität (deren Existenz nur in einem strukturellen, angeborenen Hinweis auf die Materie selbst residiert)? Dies wird das leitende Thema dieses ersten Teils unseres Buches sein, der dem physikalischen Materialismus gewidmet ist.