Herausgegeben von
Hans-Werner Klement

Bewusstsein –
Ein Zentralproblem
der Wissenschaften

1. Auflage 1975

AGIS Verlag Baden-Baden
271 Seiten, 20,5 x 14,5 cm
kartoniert, 17,– EUR
ISBN-10 3-87007-012-9
ISBN-13 978-3-87007-012-0

Die Autoren dieses Buches:

Max Bense

Konrad Lorenz

Helmar Frank

Hans Marko

Gerhard Frey

Norbert Matussek

Richard Jung

Eleonore Pietsch

H.-W. Klement

Friedrich Sanides

Karl Steinbuch


Nur wenige Menschen machen sich klar, daß die Tatsache ihres bewußten Seins von allen Rätseln, die uns die Natur aufgibt, das größte ist. Zeitgenössische Wissenschaftler und Philosophen behandeln die Frage nach einer Erklärung für das Bewußtsein eher am Rande. Es scheint, als ob diese Frage zu groß, ihre Beantwortung zu schwierig sei. Wird sie aber behandelt, sind die Ergebnisse sehr unterschiedlich, wie dieses Werk aufzeigt.

Die Zusammensetzung dieses Bandes ergibt sich aus den beiden Hauptrichtungen der Bewußtseinsforschung, der vorwiegend deduktiven Richtung der Logiker, Informatiker und Kybernetiker einerseits und der vorwiegend induktiven Richtung der Naturwissenschaftler und Mediziner andererseits.

Nach dem einleitenden Aufsatz des Herausgebers kommt zunächst der Wissenschaftstheoretiker zu Wort (Bense). Es folgen Beiträge, die das Thema »Bewußtsein« aus der Sicht des Kybernetikers behandeln (Steinbuch, Frank, Marko). Der darauf folgende Beitrag setzt sich kritisch mit der von manchen Kybernetikern im Prinzip bejahten Frage auseinander, ob bewußtseins-analoge Maschinen möglich sind (Frey). Auch der anschließende Beitrag über das Bewußtsein aus der Sicht der Informationspsychologie ist kybernetisch orientiert (Pietsch). Er bildet den Übergang zu den Beiträgen, die sich mit der Evolution und Neurophysiologie des Bewußtseins befassen. (Sanides, Jung, Matussek, Lorenz, Klement).


INHALT

Vorwort des Herausgebers

5


Hans-Werner Klement:
Das menschliche Bewusstsein –
Scheinproblem oder Zentralproblem der Wissenschaften?

I

Standpunkte und Fragen zum Thema Bewusstsein

11

II

Gibt es Bewusstsein?

13

III

Komponenten des Bewusstseins

15

IV

Ich und Umwelt

16

V

Reflexives Denken

20

VI

Freiheit zur Entscheidung

20

VII

Erlebte Wahrnehmung und Aufgaben des Bewusstseins

23

VIII

Physikalische und chemische Grundlagen des Bewusstseins

25

IX

Gibt es Grenzen der Erkenntnis über das Bewusstsein?

28


Max Bense:
Bewusstseinstheorie und semiotische Erkenntnistheorie

31


Karl Steinbuch:
Bewusstsein und Kybernetik

Das Bewusstsein in kybernetischer Sicht

37

Zum Begriff »Information«

38

Zum Informationsfluss im Menschen

39

Die fünf Grundfunktionen

41

Die Reflexion als Kreisprozess

42

Intelligenz

44

Wahrnehmung ästhetischer Information

45


Helmar Frank:
Das Bewusstsein als »Ding an sich« der Kybernetik

I

Problemstellung

51

II

Die dreifache Verankerung des Kybernetikbegriffs in der Bewusstseinsthematik

53

III

Die dreifache Projektion der Kybernetik auf die Hauptdimensionen philosophischer Reflexion

57

IV

Zusammenfassung

61


Hans Marko:
Ein Funktionsmodell für die Aufnahme, Speicherung und Erzeugung von Informationen im Nervensystem

Betrachtungen über Funktionsmodelle

63

Das vorgeschlagene Schichtenmodell mit innerer Rückkopplung

66

Simulation des afferenten Teiles des Schichtenmodells durch einen Digitalrechner und einer Anlage mit kohärentem Licht zum Zwecke der Mustererkennung

74

Zusammenfassung

79


Gerhard Frey:
Sind bewusstseinsanaloge Maschinen möglich?

81

I

Die behavioristische Methode

82

II

Was ist Bewusstsein?

84

III

Sprache und Reflexion

85

IV

Ist eine Theorie der Reflexion möglich?

87

V

Die metamathematischen Theoreme von Gödel

88

VI

Weitere metamathematische Folgerungen

92

VII

Finite und transfinite Reflexsionsstrukturen

93

VIII

Zusammenfassung und Ergebnisse

96

IX

Schlussbemerkungen zu Kritiken

100


Eleonore Pietsch:
Das Bewusstsein aus der Sicht der Informationspsychologie

Einleitung

103

I

Über den Informationsbegriff

103

II

Modellbegriff, Modellmethode

108

III

Das Bewusstsein als Element eines phänomenologischen Modells für den Informationsumsatz im Menschen

110

IV

Ansätze zur mathematischen Modellierung

114

V

Kleine Auswahl praktischer Bezüge

116

VI

Gibt es möglicherweise Querverbindungen zur Neuropsychologie?

120


Friedrich Sanides:
Die Evolution des Säugetiergehirns und das Bewusstsein

123

Die Fragestellung der Philosophie an die Hirnforschung

124

Das Wirbeltiergehirn in Entwicklungsgeschichte und Stammesgeschichte

129

Ontogenese des Säugergehirns

130

Stadien der Hirnevolution der Wirbeltiere

140

Differenzierung der Cortextypen

148

Hirnstruktur, Hirnfunktion und Bewusstsein

151

Bedingungen der Bewusstseins- und Hirnstruktur

152

Die Substrate des Bewusst-Psychischen

157


Richard Jung:
Neurophysiologie von Bewusstsein, Schlaf und Traum

165

I

Aufmerksamkeit und Bewusstsein mit ihren physiologischen Bedingungen

165

Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Verhalten

Verhaltenskriterien des Bewusstseins bei Mensch und Tier

168

Bewusstseinsselektion und unbewusste Prozesse

173

Kybernetische Theorien über Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Sinnesinformation

180

Neurophysiologische Untersuchungen über Weckeffekte und Aufmerksamkeit

182

Funktionen des »unspezifischen« reticulo-thalmischen Hirnstammsysthems

185

Bewusstseinsstörungen und hirnelektrische Befunde

190

II

Schlaf und Traum:

Neurophysiologische und psychische Korrelationen

192

Reiz- und Ausschaltungsexperimente zur Hirnlokalisation der Schlafregelung

194

Biologie des Schlafes

196

Elektrophysiologie des Schlafes

202

Neuronentätigkeit im Schlaf

210

Psychophysiologie des Träumens

208

Schlaf und Gedächtnis

215


Norbert Matussek:
Drogen und Bewusstsein

219

I

Drogen, die das Wachbewusstsein steigern

220

II

Drogen, die das Wachbewusstsein dämpfen

221

III

Psychomimetika

222

IV

Antipsychotisch wirkende Substanzen

224

Schlussbetrachtungen

226


Konrad Lorenz:
Haben Tiere ein subjektives Erleben?

227


Hans-Werner Klement:
Evolution und Bewusstsein

243


Literatur und Anmerkungen

249

Die Autoren dieses Buches

270



VORWORT des Herausgebers

Das menschliche Bewusstsein – Scheinproblem oder Zentralproblem der Wissenschaften? Diese Frage hat mich veranlasst, den Aufsatz zu schreiben, mit dem das vorliegende Buch beginnt. Als er fertig gestellt war, wurde klar, dass er zwar eine Einführung in das Thema »Bewusstsein« geben kann, dass aber eine Vertiefung unter den Blickwinkeln verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen wünschenswert war. So kam es zu dem Vorschlag, einen Sammelband zu schaffen, den der AGIS Verlag und die anderen Autoren des Buches dankenswerterweise aufgegriffen haben.

Nach der Einführung kommt zunächst der Wissenschaftstheoretiker zu Wort (Bense). Es folgen Beiträge, die das Thema »Bewusstsein« aus der Sicht des Kybernetikers behandeln (Steinbuch, Frank, Marko). Der darauf folgende Beitrag setzt sich kritisch mit der von manchen Kybernetikern im Prinzip bejahten Frage auseinander, ob bewusstseinsanaloge Maschinen möglich sind (Frey). Auch der anschließende Beitrag über das Bewusstsein aus der Sicht der Informationspsychologie ist kybernetisch orientiert (Pietsch). Er bildet den Übergang zu den Beiträgen, die sich mit der Evolution und Neurophysiologie des Bewusstseins befassen (Sanides, Jung, Matussek, Lorenz, Klement).

Die Zusammensetzung dieses Sammelbandes ergibt sich aus den beiden Hauptrichtungen der Bewusstseinsforschung, der vorwiegend deduktiven Richtung der Logiker, Informatiker und Kybernetiker einerseits und der vorwiegend induktiven Richtung der Naturwissenschaftler und Mediziner andererseits.

Ich hoffe, dass das Buch zur weiteren Konvergenz dieser beiden Hauptrichtungen der Bewusstseinsforschung beitragen wird, der Forschung über ein Zentralproblem der Wissenschaften, wie man wohl die eingangs gestellte Frage beantworten muss.

Dortmund, im Frühjahr 1975
Hans-Werner Klement


TEXTAUSZUG

Hans-Werner Klement:
Das menschliche Bewusstsein –
Scheinproblem oder Zentralproblem der Wissenschaften?


I Standpunkte und Fragen zum Thema Bewusstsein

Von jeher hat den Menschen die Schöpfung beschäftigt, in der wissenschaftlichen Sprache unserer Zeit die Entstehung des Weltalls, das Auftreten des Lebens in der Welt und seine Evolution zum Menschen.

Wenn auch die letzten Fragen nach der Entstehung des Weltalls nicht beantwortet sind, erlaubt uns doch die Astrophysik tiefe Einblicke in seine Geschichte. Darüber hinaus haben uns die letzten beiden Jahrzehnte näher an eine Erklärung für die Entstehung des Lebens und für die Evolution herangeführt, eine Erklärung auf der Ebene der Stereochemie und Mikrobiologie, die uns Leben und Evolution als Folge des Zusammenwirkens von Zufall und Selektion verstehen lässt. Wenig aber wissen wir darüber, wie im Zuge der Evolutkon lebende Materie ihrer selbst bewusst geworden ist: Wir wissen wenig über das Bewusstsein. Bilanz zu ziehen über dieses Wissen und die sich im Zusammenhang mit dem Bewusstsein stellenden Fragen ist Zweck dieses Aufsatzes.

Komponenten des Bewusstseins sind schon in der Tierwelt festzustellen. Im Mittelpunkt unserer Betrachtung aber wird das Bewusstsein des Menschen stehen, ohne Zweifel das bisher komplexeste Ergebnis der Evolution.

Viele Menschen machen sich nicht klar, dass die Tatsache ihres bewussten Seins von allen Rätseln, die uns die Natur aufgibt, das größte ist. Zeitgenössische Wissenschaftler und Philosophen behandeln die Frage nach einer Erklärung für das Bewusstsein eher am Rande. Es scheint, als ob diese Frage zu groß, ihre Beantwortung zu schwierig sei. Wird sie aber behandelt, sind die Ergebnisse sehr unterschiedlich. Dafür einige Beispiele:

Im Jahre 1968 fand in Alpbach in Tirol ein Symposium statt, auf dem 16 Wissenschaftler von Weltrang aus den verschiedensten Fachgebieten ihre Gedanken zum heutigen Menschenbild austauschten. Einer der Referenten, J. R. Smythies, Dozent für Psychiatrie an der Universität Edingburgh, sprach über Aspekte des Bewusstseins. Sein Referat begann mit den Worten:1
»Das Thema, das ich heute behandeln will, ist das altehrwürdige Problem des Bewusstseins und seines Wesens. Genau genommen handelt es sich dabei um einen ganzen Kreis einander überschneidender Fragen, und zwar so allgemeine wie nach der Beziehung zwischen Geist und Gehirn oder nach dem Wesen der Wahrnehmung, aber auch so spezielle wie die: Worin besteht denn das Bewusstsein selbst eigentlich? So betrachtet erweist sich das Bewusstsein als ein Problem, das für eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen von Interesse ist.«

Helmar Frank, Direktor des Instituts für Kybernetische Pädagogik in Paderborn, schreibt dagegen in seinem Buch »Kybernetik und Philosophie«:2
»Es gibt keinen Beweis dafür, dass außer mir ein anderer Mensch ein Bewusstsein hat, noch einen Beweis dagegen, dass das (künstliche) System S ein solches besitzt.«

Frank meint, es sei lediglich eine Erwägung über beim Kombinieren von Worten einzuhaltende Spielregeln, wenn man überlege, ob ein Wahrnehmungs- beziehungsweise Erkenntnisprozess definitionsgemäß mit Bewusstsein verbunden sein soll.

Karl Steinbuch, Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe, schreibt in seinem Buch »Automat und Mensch«:3
»Es wäre für unsere Überlegungen von unschätzbarem Wert, wenn ein physikalisches System von der Komplexität und Struktur des menschlichen Nervensystems aufgebaut werden könnte. Bis zum Beweis des Gegenteils ist zu vermuten, dass ein solches System von sich behaupten würde, es habe ein Bewusstsein.«

Dean E. Wooldridge schließlich schreibt in seinem Buch »The Machinery of the Brain«:4
»Das relativ seltene Auftreten der Bedingungen für Bewusstseinszustände kann mit deren relativer Bedeutungslosigkeit in Beziehung gesetzt werden. Bisher fand man noch keinen Verwendungszweck für das Bewusstsein, das einen kleinen Bruchteil der Seelentätigkeit einiger weniger Arten von höheren Tieren erhellt. Es ist nicht sicher, ob das Verhalten irgendeines Individuums oder der Lauf der Weltgeschichte irgendwie beeinflusst worden wäre, wenn es kein Bewusstsein gäbe.«

Das waren vier zeitgenössische Äußerungen zum Thema Bewusstsein: Smythies spricht von einem altehrwürdigen Problem. Für Frank ist es nur eine Definitionsfrage, ob man überhaupt von der Existenz des Bewusstseins sprechen will. Steinbuch dagegen meint, dass Bewusstsein im Prinzip physikalisch erklärbar sei. Wooldridge endlich ist der Auffassung, es gebe zwar ein Bewusstsein, aber sein Zweck sei nicht einzusehen. Es stellt sich tatsächlich die Frage, die Nigel Calder in seinem Buch »Das Phänomen der kleinen grauen Zellen« formuliert:5
»Welches ist der Status des Bewusstseins: nebensächliche Begleiterscheinung, funktionell wichtiger Hirnmechanismus oder die einzig wichtige Realität?«

Im einzelnen haben wir es mit einer ganzen Reihe von Fragen zu tun, wenn wir das Thema Bewusstsein anschneiden. Sie sind besonders aktuell geworden, seitdem wir über elektronische Maschinen verfügen, die uns gewisse Denkprozesse abnehmen. Die erste Frage lautet:
– Gibt es Bewusstsein, das zwar natürlichen Systemen, nicht aber den bis heute bekannten künstlichen Systemen eignet?

Falls diese Frage zu bejahen ist, müssen wir weiter fragen:
– Worin besteht das Bewusstsein?
– Hat das Bewusstsein eine Aufgabe, und um welche Aufgabe handelt es sich gegebenenfalls?
– Kann man Bewusstsein auf physikalische oder chemische Prozesse zurückführen, liegt ihm eine »Schaltung« innerhalb des Nervensystems zugrunde?
– Warum bereitet es so große Schwierigkeiten, Klarheit über unser Bewusstsein zu erlangen? Kann man das Wesen des Bewusstseins so weitgehend aufklären, dass es zum Beispiel eines Tages möglich sein wird, Maschinen mit Bewusstsein zu bauen?


II Gibt es Bewusstsein?

Die erste Frage, die wir uns gestellt haben, lautet: Gibt es Bewusstsein, das zwar natürlichen Systemen, nicht aber den bis heute bekannten künstlichen Systemen eignet? – Um eine Antwort finden zu können, müssen wir zunächst klarstellen, was wir unter »Bewusstsein« verstehen wollen.

Die Wurzeln dieses Begriffs reichen in die ägyptische Zivilisation und weiter zurück, aber er gewinnt sein Gewicht erst mit Augustin und Descartes. Bei Augustin wird erstmals die Seele mit dem Bewusstsein oder mit dem denkenden und wollenden Ich identifiziert. Descartes unterscheidet zwischen der res cogitans, dem Ich, dem Bewusstsein auf der einen Seite und der res extensa, der Welt außerhalb des Bewusstseins auf der anderen Seite. Zur Welt außerhalb des Bewusstseins gehört auch der Körper, mit dem es verbunden ist. Hier im 17. Jahrhundert manifestiert sich die gedankliche Trennung von Körper und Seele, von Körper und Geist, die so nachhaltig das abendländische Denken beeinflusst hat und mit der sich Philosophie und Wissenschaft bis in unsere Tage auseinandersetzen. Dabei geht es darum, ob die Unterscheidung zwischen res cogitans und res extensa berechtigt sei und wie man sich gegebenenfalls die Beziehungen zwischen beiden vorzustellen habe, insbesondere die Beziehungen zwischen der Seele und dem Geist einerseits und dem Gehirn andererseits.

Die Standpunkte reichen von der einseitigen Anerkennung der materiellen Welt und der Verneinung einer besonderen Welt des Lebendigen, der Seele und des Geistes, bis zur einseitigen Anerkennung unserer Wahrnehmungen, unseres Bewusstseins und der Verneinung der materiellen Welt an sich. Es geht hier um Fragen, die im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen Materialismus und Idealismus beziehungsweise zwischen Mechanismus und Vitalismus stehen. Eine mittlere Stellung nimmt dabei der psycho-physische Parallelismus ein, bei dem die jenseits der Materie liegende Welt des Lebendigen, der Seele und des Geistes auf geheimnisvolle Weise mit der Materie zusammenwirkt. Im Gegensatz zum dualistischen Standpunkt von Descartes gibt es schließlich den monistischen Standpunkt die Ablehnung der Unterscheidung zwischen res cogitans und res extensa überhaupt: Materie, Leben, Seele und Geist sind eine Einheit.

Nach Wittgenstein sind weite Bereiche der philosophischen Diskussion ein Streit um Worte, und man kann erkennen, dass es auch bei der Unterscheidung zwischen Dualismus und Monismus nur um Worte geht. Wenn wir zunächst einmal als Arbeitshypothese voraussetzen, dass es sowohl materielle, körperliche Existenz als auch Bewusstsein gibt, dann sind körperlich zu existieren und Bewusstsein zu haben zwei Eigenschaften, die ein und dasselbe Individuum haben kann. Der Dualismus betrachtet diese Eigenschaften, der Monismus aber das Individuum, das diese Eigenschaften besitzt. Dualismus und Monismus sind demnach keine echten Gegensätze.

Wir müssen uns also nicht mit der Frage auseinandersetzen, ob wir einen dualistischen oder einen monistischen Standpunkt einnehmen wollen. Dagegen müssen wir Stellung beziehen zu der Frage nach der Existenz des Bewusstseins im zu Beginn dieses Abschnitts beschriebenen Sinn und nach der Existenz der materiellen Welt außerhalb des Bewusstseins überhaupt.

Jedes natürliche oder künstliche System kann seine Umwelt nur durch deren Wirkungen und die hierdurch in seinem Inneren hervorgerufenen Prozesse erfahren. Es kann somit das Wesen der Umwelt »an sich« nicht erkennen und ihre Existenz nicht unmittelbar beweisen. Aus dieser selbstverständlichen Situation aber zu schließen, die Existenz der Umwelt sei fraglich oder es gebe keine Umwelt, ist eine theoretische Spitzfindigkeit. Die Übereinstimmung der Wahrnehmungen und diesbezüglichen Äußerungen unzähliger Menschen lässt die Existenz der materiellen Welt als im höchsten Grade wahrscheinlich erscheinen.6

Ähnliches gilt für das Bewusstsein: Unzählige Menschen behaupten übereinstimmend von sich, Bewusstsein zu haben. Die Existenz des menschlichen Bewusstseins ist daher ebenfalls im höchsten Grade wahrscheinlich. Dagegen hat bisher noch kein künstliches System eine derartige Behauptung aufgestellt. Es wäre absurd anzunehmen, künstliche Systeme hätten ebenfalls Bewusstsein und könnten das nur nicht mitteilen. Bewusstsein ist offensichtlich keine Eigenschaft eines jeden Information verarbeitenden Systems, sondern eine Eigenschaft hochkomplexer Systeme, wie sie bisher nur die Natur hervorgebracht hat. Die übereinstimmenden Angaben unzähliger Menschen genügen als Beweis.


III Komponenten des Bewusstseins

Wenn wir untersuchen wollen, worin Bewusstsein besteht, müssen wir zunächst zwischen dem Wachbewusstsein und dem Ich-Bewusstsein unterscheiden. Das Wachbewusstsein ist der Gegensatz zur Bewusstlosigkeit, wie sie zum Beispiel mit dem Schlaf verbunden ist. Dieser Gegensatz bedarf keiner näheren Erläuterung, er ist jedermann geläufig. Wir wissen heute, dass das Wachbewusstsein nur einen Bruchteil der Vorgänge umfasst, bei denen der Mensch Information verarbeitet; der größere Teil dieser Vorgänge verläuft unbewusst oder im Unterbewusstsein.

Gegenstand unserer Untersuchung ist das Ich-Bewusstsein, ist die Tatsache, dass Lebewesen – und unter ihnen insbesondere der Mensch – sich ihrer Existenz, sich ihrer selbst bewusst sind. Volles Ich-Bewusstsein setzt Wachbewusstsein voraus. Worin aber besteht das Ich-Bewusstsein, das wir hier kurz als das Bewusstsein bezeichnen?

Die elementarste Komponente des Bewusstseins eines Individuums ist seine Fähigkeit, zwischen eigenen und fremden Wirkungen beziehungsweise zwischen sich selbst und seiner Umwelt zu unterscheiden. Diese Komponente tritt schon auf sehr frühen Stufen der Evolution auf.

Eine weitere Komponente des menschlichen Bewusstseins ist die Vorstellung, über freien Willen zu verfügen.

Die, wie wir sehen werden, rätselhafteste Komponente des Bewusstseins eines Individuums schließlich ist seine Fähigkeit, Wahrnehmungen zu erleben und Gefühle zu haben.

Als weitere Komponente des Bewusstseins können wir die von Gerhard Frey7 beschriebene Fähigkeit zu transfiniter Reflexion betrachten. Dieser Komponente kommt möglicherweise große theoretische Bedeutung zu, aber sie dürfte nur bei einem kleineren Teil der Menschen tatsächlich auftreten und soll deshalb hier vernachlässigt werden.


DIE AUTOREN dieses Buches

Max Bense, geb. 1910, Prof. Dr. rer. nat. Nach Kriegsende war er Kurator an der Universität Jena, und 1948 wurde ihm dort der Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und mathematische Logik übertragen. Im gleichen Jahr jedoch ging er nach Westdeutschland, wurde 1949 a. o. Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der TH Stuttgart. Seit 1963 ist er dort Ordinarius für Philosophie und Wissenschaftstheorie. Veröffentlichung zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten, darunter »Aesthetica«, »Semiotik«, »Zeichen und Design« und jüngst »Semiotische Prozesse und Systeme«, AGIS Verlag, Baden-Baden.

Helmar Frank, geb. 1933, Prof. Dr. phil., Dipl.-Math., 1961–63 wiss. Mitarbeiter der Forschungsgruppe »Lernende Automaten« an der TH Karlsruhe, seit 1963 a. o. Prof. und seit 1970 o. Prof. an der Pädagogischen Hochschule Berlin und Direktor des dortigen Instituts für Kybernetik. Seit 1972 Leiter des Instituts für kybernetische Pädagogik in Paderborn. Veröffentlichte zahlreiche Publikationen auf dem Gebiet der Kybernetik, Informationswissenschaft und Bildungstechnologie, darunter »Kybernetische Grundlagen der Pädagogik«, AGIS Verlag, Baden-Baden 1962, und »Kybernetik und Philosophie«, Duncker und Humblot 1966.

Gerhard Frey, geb. 1915, Prof. Dr. rer. nat., lehrte in Stuttgart als a. o. Prof. Naturwissenschaften, Logik, Wissenschaftstheorie, Philosophie der Mathematik, heute am philosophischen Institut der Universität Innsbruck. Publizierte u. a. »Gedanken zu einer universalen Philosophie! 1948 und »Gesetz und Entwicklung der Natur« 1958. Zahlreiche Beiträge in Fachzeitschriften.

Richard Jung, geb. 1911, Prof. Dr. med., 1934–35 an der Universitäts-Nervenklinik München und 1935–36 an der Universitäts-Nervenklinik Freiburg. 1936 Rockefeller Fellowship mit wissenschaftlicher Arbeit im Ausland: 1936 in London, 1936–37 in Zürich bei W. R. Hess, 1937–38 am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch. Wintersemester 1939/40 Habilitation in Freiburg. Vom Mai 1940 bis März 1945 bei der Wehrmacht. Oktober 1947 a. pl. Professor für Neurologie und Psychiatrie. 1949 planmäßiger a. o. Professor für klinische Neurophysiologie. 1951 o. Professor und Direktor der Neurologischen Universitätsklinik mit Abteilung für Neurophysiologie. 1954–55 Dekan der Medizinischen Fakultät Freiburg. Zahlreiche Arbeiten auf dem Gebiet der Neurologie und Neurophysiologie.

Hans-Werner Klement, geb. 1923, Dr. rer. pol., studierte Natur- und Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt/M. und Berlin und ist auf dem Gebiet der elektronischen Datenverarbeitung tätig. Seit 1967 veröffentlichte er mehrere Aufsätze zum Thema »Bewusstsein«.

Konrad Lorenz, Prof. Dr. med., Dr. phil., geb. 1903, 1937 Dozent für Vergleichende Anatomie und Tierpsychologie in Wien, 1940 Ordinarius für Allgemeine Psychologie in Königsberg. 1950 wurde er Leiter der Forschungsstelle für Verhaltensphysiologie des Max-Planck-Instituts für Meeresbiologie in Schloss Buldern/Westf. Ab 1953 Honorarprofessor an der Universität Münster. Seit 1954 ist er stellvertr. Direktor und seit 1961 Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen/Obb., seit 1957 Honorarprofessor der Universität München. Neben vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen publizierte L. Bücher, die auch in Laienkreisen außerordentlich erfolgreich waren, darunter das bekannte Werk »Das sogenannte Böse – zur Naturgeschichte der Aggression«. Neben zahlreichen in- und ausländischen Ehrungen wurde L. 1973 mit dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet.

Hans Marko, geb. 1925, Prof. Dr.-Ing., seit 1962 o. Prof. an der TH München, Direktor des dortigen Instituts für Nachrichtentechnik. Preis der Nachrichtentechnischen Gesellschaft i. VDE 1957, NTG-Fachausschusslt., veröffentlichte Beiträge zu wissenschaftlichen Sammelwerken und zahlreichen Zeitschriftenaufsätze.

Norbert Matussek, geb. 1922, Prof. Dr. med., Dipl.-Chem., a pl. Prof., Leiter der neurochemischen Abteilung der Universitäts-Nervenklinik München. Arbeiten und Publikationen auf psychopharmakologischem und klinisch-neurochemischem Gebiet. Befasst sich speziell mit Antidepressiva und biochemischen und neuro-endokrinologischen Störungen bei der Depression.

Eleonore Pietsch, Prof. Dr. rer. nat., arbeitete von 1963 bis 1967 am Kernforschungszentrum Karlsruhe, von 1968 bis 1975 an der Pädagogischen Hochschule Berlin, wurde dort 1970 Dozentin und 1971 Professor für kybernetische Pädagogik. Von 1973 bis 1975 im Direktorium des Instituts für Kybernetik. 1975 Berufung als ordentlicher Professor für Physik und ihre Didaktik an die Pädagogische Hochschule Westfalen-Lippe, Abt. Münster. Veröffentlichung in Zeitschriften der Physik und der Bildungstechnologie.

Friedrich Sanides, geb. 1914 in Antalya/Türkei, Prof. Dr. med., bis 1964 Privatdozent und wiss. Mitarbeiter an der Neuroanatomischen Abteilung des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt/M. Ab 1964 Research Associate am Primate Research Center der University of Wisconsin in Madison, Wis., USA. Ab 1967 Associate Professor am Department of Anatomy der University of Ottawa, Ottawa, Kanada. Ab 1970 Wissenschaftlicher Rat und Professor an der Abteilung Anatomie der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen. Ab 1972 Neuro-psychopharmakologischer Mitarbeiter in der pharmazeutischen Industrie und Visiting Professor von Harvard’s Neurological Unit. in Boston, USA.

Karl Steinbuch, geb. 1917, Prof. Dr.-Ing., seit 1958 o. Prof. an der TH in Karlsruhe und Direktor des dortigen Instituts für Nachrichtenverarbeitung und Nachrichtenübertragung. Hier arbeitet er an Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der automatischen Zeichenerkennungen und der adaptiven Systeme. Neben zahlreichen Vorträgen bei öffentlichen und wissenschaftlichen Veranstaltungen, Rundfunk- und Fernsehvorträgen publizierte er viele wissenschaftliche Arbeiten auf verschiedenen Gebieten der Informationstechnik. Zu einem Bestseller wurde sein Werk »Falsch programmiert« (68), dem 1970 das ebenfalls vieldiskutierte Buch »Programm 2000« folgte.